Samstag, 12. Januar 2013

Der Karnevalswierts oder Gruppentherapie für Fortgeschrittene

Da wir keinen haben, der einigermassen nähen kann und mit unsere Gruppengröße bei einer Näherin mindestens 6 Monate Vorlauf bräuchten (und wer will schon im August an Karneval denken) gibt es eigentlich nur die Option: Kauf von Kostümen.

Diesmal waren wir noch härter drauf als sonst. Die sonst vorher erfolgten (zumindestens meist am Endergebnis gemessenen erfolglosen) Abstimmungsgespräche und -treffen wurden ersatzlos gestrichen.

Unser Beschluss lautete: Wir fahren am Samstag (also heute) zum Wierts und entscheiden da, was wir machen.

Was im Vorfeld nur geklärt war: Wir fahren vorher nicht zu IKEA zum Frühstücken.

Also sind wir fast pünktlich um 08:30 in Brück aufgebrochen...

Als wir im Geschäft reinkamen, schallte es aus einem Bereich sehr schrill:
"Marika, tu den Hut da weg!"
Eine der anwesenden Gruppe war anscheinend schon einige Phasen weiter.

Basierend auf jahrelanger Erfahrung habe ich selber einen Phasenplan definiert, der es leider noch nicht in die psychologischen Lehrbücher geschafft hat.

Bevor ich meine Phasenplan erkläre, hatte Claudia einen neuen globalen Ansatz entwickelt, der nach meiner Einschätzung fast friedensnobelpreisverdächtig ist:
1) Die einzelnen autonomen Karnevalsgruppen laufen im Geschäft auf.
2) Jeder Einzelne sucht sich das Kostüm aus, das ihm gefällt
3) Und dann werden die Gruppen einfach neu anhand der Kostüme gebildet.
(leider ist das Thema "Wo wird dann im Zug mitgegangen, noch nicht abschliessend geklärt!)

Erste Anmerkung zum Wierts: Die Karnevalsmusik nervt!

Phase 1: die passive Phase

Es fehlt noch jede Idee, was man machen soll.

Indikatoren für diese Phase: Lustloser Kauf von Accessoires, antriebsloses Agieren

Doch plötzlich hat einer etwas gesehen und wir kommen in

Phase 2: die kreative Phase

Diese Phase ist geprägt durch hyperaktives Herumlaufen der Mitglieder der Gruppe und Anprobieren von Kostümen.

Hierbei erkennt man die gewieften Taktiker mit Jahrelanger Erfahrung: Am besten sichert man erst einen Rückzugsraum mit genügend Umkleidekabinen. Das erleichtert nicht nur das schnelle Umkleiden, sondern gibt auch Spielraum, um sich von Jacken und sonstigem Ballast zu trennen, um einen Wettbewerbsvorteil zu haben. Auch können sich erschöpfte Mitglieder der Herde mal kurz "resten (ein schönes altes Eifler Wort)".

10:00 Uhr: Mitglieder der Herde tauchen in allen möglichen und unmöglichen Kostümen auf. ...und das meine ich auch so: ich komme aus einer Familie, die historisch bedingt auch Deutschländer Würstchen kann (siehe auch: Blog-hier Klicken)

10:08 Uhr: diverse Clownkostüme laufen auf!

10:16 Uhr Der Harlekin ist aus dem Rennen. Momentan besteht unsere Gruppe aus einem hartnäckigen Clown, einer stark wachsenden Hippiefraktion. Neu ist ein vereinzeltes Cowgirl!

10:20 Uhr: Artenvielfalt: Jetzt ist ein Schaf dabei!
Es gibt keine Hippies mehr...

10:30 Uhr: Mein Stinktier gibt es nur in farbigem Plüsch und der Groesse XS und S...also nichts für uns!

irgendwann gegen 11:00 Uhr: Jeder hat das Kostüm, das er er möchte

Nach meinem karnevalistischen Phasenmodell geht es jetzt fliessend in

Phase 3: die aggressive Phase
über.

Das ist die Phase, in der jeder sein Kostüm verteidigt.
Lieblingsargument: Das hatten wir noch nieeeee in der Gruppe und -obwohl schon tausendmal vorgeschlagen- nicht realisiert worden ist..

Gut ist, dass diese Diskussion nicht mehr nur in der Gruppe geführt wird. Die einzelnen Umherstehenden fühlen sich genötigt, mit zu reden.
Logisch dass die Unseren auch in den anderen Gruppen diskutieren können.
Hier ist wahre Redefreiheit gegeben:
Speakers Corner im Hydepark ist dagegen ein Hort der Zensur!

Ich bin in der Phase noch stark: Alles gut, meine Betablocker wirken noch.

Diese Phase ist geprägt durch:
Es gibt keine Gruppen mehr, nur noch Kostuemfraktionen im Wiertz.
Und wenn dann Brings mit "Dat ist geil" im Hintergrund läuft, passt das schon (1:40): "Ruhe, wo mir sinn, is et laut!. Bei Absolventen von Waldorfschulen onder Ponyhöfen gäbe es jetzt die ersten Ausfälle...

Nach einer - nennen wir es positiv- sehr emotionalen Phase des Urschreis, fallen die Mitglieder der Gruppe -abhängig von Ausdauer und Tagesform- nach ca 20-30 Minuten in die nächste Phase.

Phase 4: Die apathische Phase



Die Karnevalsmusik ist hier tantramaessig in der WIEDERHOLUNGSSCHLEIFE und nervt immer weniger. 4 h esoterische Entspannungsmusik wuerde bei normalen Menschen auch zu Aggressionen fuehren.

Indikatoren für diese Phase:
Die Gruppe hockt geschlossen im Rückzugsraum
und es fallen Kommentare wie:
"Gut dass die um 6 Uhr hier schliessen!"
" Mach doch, was Ihr wollt, mir ist es egal was wir tragen"
" Entscheidet Ihr, ich hab nur noch Hunger"
" Et is doch nur Karneval!"


Jetzt wird demograpisch entschieden, welches Kostüm ausgewählt wird!

Eine neue Geschaeftsidee im Wierts-Umfeld:
psychologische Gruppenbetreuung

und das werde ich als Verbesserungsvorschlag bringen:

"Es müsste beim Wierts Alhohol geben.

Dann wäre die Entscheidungsfindung viel, viel schneller und das Einkaufen viel lustiger..."

1 Kommentar:

Frau Dinktoc hat gesagt…

Du hast Phase 2a vergessen: telefonische Fernkonsultation mit auswärtigen Gruppenmitgliedern zur Interpolation vermutlich passender Kleidergrößen (je weniger standardisiert die Figur, desto wahrscheinlicher der fließende Übergang in Phase 3).